FASD, FAS, Kinder mit FASD Förderung, FASD Therapie, FASD FAQ, FASD Wikipedia, FASD-Fachkraft, Jugendhilfe

FAQ

FASD

Fakten,
FAQ und mehr zu FASD...

FAS oder FASD - Oberbegriffe I

FASD und FAS sind zwei Oberbegriffe für die Fetale Alkoholspektrumstörung. Sie umfassen beide das ganze Spektrum der lebenslangen Folgen für das Kind durch den Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft. 

Die Oberbegriffe bedeuten:
FAS = Fetale Alkohol Spektrumstörung
FASD = Fetal Alcohol Spectrum Disorder

Beide Oberbegriffe sind heute gebräuchlich. FAS wird aber häufig auch für die Unterdiagnose FAS-Vollbild gebraucht. 

Name Fetales Alkoholsyndrom - Oberbegriffe II

Bekannt ist FASD seit der Antike. Seit es Alkohol gibt und Menschen, die Alkohol trinken, kommen Alkohol geschädigte Kinder zur Welt. Es gibt Hinweise dazu  

im Tenach, in der Bibel und in Quellen aus der römischen Antike, Beobachtungen aus der Zeit der Gin-Epidemie in Großbritanien von 1720 bis 1750 und den Bericht des Gefängnisarztes William Sullivan aus Liverpool von 1899. 

1957 veröffentliche die Französin Jacqueline Rouquette die erste Dissertation in Medizin zu FASD. 

Aber den Namen FASD hat die Fetale Alkoholspektrumstörung erst 1973 von David Smith und Ken Jones in den USA erhalten. 

In Deutschland sind deshalb viele verschiedene Namen für FASD im Umlauf und finden sich - je nachdem, wann, wer die Diagnose gestellt hat - in Berichten und Unterlagen der Patient:innen.

Die verschiedenen (teils älteren) Namen für die Fetale Alkohol Spektrumstörung sind:

  • FAS-Vollbild
  • pFAS (partielles FAS)
  • ARND (Alcohol related neurodevelopmental disorders)
  • ARBD (Alcohol related birth defects)
  • Alkoholembryofetopathie
  • Alkoholembryopathie (mit Dysmorphien)  (aktuell ICD-10)
  • Fetale Alkoholeffekte
  • Embryofetales Alkoholsyndrom
  • Embryofetopathia alcoholica
  • Fetale Alkohol Spektrumstörungen
  • Fetales Alkoholsyndrom / FAS   (demnächst ICD-11)

Alkohol in der Schwangerschaft

Jeder Alkoholkonsum in der Schwangerschaft kann FASD verursachen. Ein Drink kann ausreichen, um das ungeborene Kind zu schädigen. Es gibt keine Alkohomenge, die für einen Fötus oder Embryo unbedenklich ist. Acetaldehyd entsteht beim Alkoholabbau (Alkoholmetabolisierung) im Körper der Frau. Das Zellgift Acetaldehyd wirkt im Körper von Fötus und Embryo. Acetaldehyd wirkt als Zellgift und greift die Zellen des entstehenden Körpers an. Ob die schwangere Frau Alkohol abhängig ist, oder ob ihr Drink Lifestyle ist, hat auf die Wirkung von Acetaldehyd keinen Einfluss.

Risikogruppen
für die Geburt eines Kindes mit FASD sind z.B.:

  • Frauen in prekären Verhältnissen
  • Frauen, die ungeplant schwanger werden
  • Frauen, die ihre Schwangerschaft spät bemerken
  • Teenagerinnen
  • Akademikerinnen

Meine Freundin hat an Silvester 2 Gläser Sekt getrunken. Ihr Kind ist aber gesund. Wie kann das sein?

 

Ihre Freundin und das Baby hatten einfach Glück. Welcher Schaden beim Kind entsteht bestimmen hauptsächlich diese drei Faktoren:

  • der Zeitpunkt des Alkoholkonsums in der Schwangerschaft (Woche/Tag)
  • der Stoffwechsel und die Alkoholtoleranz der Mutter
  • der Stoffwechsel und die Gene des ungeborenen Kindes 


Der Schaden ist immer individiuell verschieden und unkalkulierbar.
Darum gilt: Wenn schwanger, dann zero! 

Alkohol in den ersten 12 Wochen der Schwangerschaft

In den ersten 12 Wochen passiert dem Baby nichts? Das ist leider ein Märchen. Alkohol gelangt immer über die Plazenta zum Kind, während der gesamten Schwangerschaft. Alkohol ist Plazenta gängig.

In den ersten Wochen sind Gehirn und Herz sogar besonders empfindlich für schwere Schädigungen.

FASD und Väter

Da FASD durch das trinken von Alkohol während der Schwangerschaft entsteht, ist der Vater nicht der Verursacher von FASD. Sein eigener Alkoholkonsum vor und während der Zeugung trägt nichts zur Ernährung des Embryos bei, also auch nicht zu FASD. Allerdings trinken nur wenige Schwangere alleine! Oft ist der Partner oder die Partnerin dabei, reicht das Glas, öffnet die Flasche oder bringt den Champagner mit, um auf das Baby anzustoßen! 

Der Vater oder die Partnerin können so dazu beitragen, eine Schwangere beim Alkoholverzicht zu unterstützen - oder zum Alkoholkonsum beitragen.

FASD in der ICD-10 und ICD-11

FASD in der ICD-10:
Q 86.0     Alkoholembryopathie (mit Dysmorphien)
Angeborenes Fehlbildungssyndrom durch bekannte äußere Ursache.

FASD in der ICD-11 (gilt im deutschsprachigen Raum noch nicht):
LD2F.00    Fetales Alkoholsyndrom

Fehlerhafte vorgeburtliche Entwicklung durch mütterlichen Alkoholkonsum während der Schwangerschaft. Die betroffenen Kinder weisen schwergradige Anomalien des ZNS auf, die das Lernen und Denken des Kindes lebenslang betreffen und verändern. Die neurologischen Anomalien verursachen u.a. kognitive Störungen, Verhaltensstörungen, Wahrnehmungsstörungen und Störungen der Exekutivfunktionen.

Die Unterdiagnosen FAS-Vollbild, pFAS und ARND

Je nachdem, wo die Diagnose FASD gestellt wurde, kann es sein, dass eine Unterdiagnosen im Bericht genannt wird.

Die Unterdiagnosen sind aktuell in Deutschland häufig:

  • FAS-Vollbild (FAS)
  • partielles FAS (pFAS)
  • Alcohol-Related Neurodevelopmental Disorder (ARND)


Diese Unterdiagnosen sind eine naturwissenschaftliche Systematik in der Medizin, die sich auf die aktuelle S 3 - Leitlinie FASD beziehen und von manchen Ärzt:innen benutzt werden.

Diese Unterdiagnosen sagen aber nichts über die Art und Schwere der Schädigung des ZNS aus. Und deshalb sagt die Unterdiagnose auch nichts über die Alltagsprobleme und Alltagsschwierigkeiten von Menschen mit FASD aus, nichts über ihren Hilfebedarf, über die Teilhabeeinschränkung oder ob sie leiden.

Für den Alltagsunterstützung zuhause oder in der Einrichtung, die therapeutische Unterstützung und die Begleitung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit FASD ist die Unterdiagnose deshalb nicht entscheidend. 

Organschäden bei FASD

Das Zell- und Mitosegift Acetaldehyd, das beim Alkoholabbau im Körper der Mutter entsteht, greift jede Zelle im Körper von Fötus und Embryo an. Es schädigt alle Zellen und kann vielfältige, lebenslange Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder haben. 
 

Forschende in Kanada haben 2016 beim Vollbild FAS 428 Krankheitszeichen und Begleiterkrankungen wie z.B. Hörstörungen, Herzfehler, Lungenerkrankungen oder Nierenerkrankungen, Zahnfehlstellungen, Hyperaktivität, Hypermobilität der Gelenke, Augenfehlbildungen und vielem mehr gefunden.

Mit pFAS gehen 183 Krankheitszeichen komorbide Schädigungen einher und mit ARND noch etwas weniger.

Ab Anfang 20 steigt bei Erwachsenen mit FASD z.B. das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle an.

Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt laut einer Studie aus den USA (Streissguth et. al.) bei 34 Jahren und ca. 7% der Menschen mit FASD versterben vorzeitig an den Folgen ihrer Organschäden.

Häufigkeit von FASD

Über die Prävalenz von FASD ist derzeit bekannt, dass sie in Deutschland zwischen 2 und 5 % liegt. 

Mindestens 1 von 50 Kindern wird in Deutschland mit FASD geboren, wahrscheinlich sind es bis zu 5 von 100 Kindern, oder mehr. Denn in Deutschland ist FASD unterdiagnostiziert. Obwohl FASD inzwischen die häufigste angeborene Behinderungen ist, ist FASD in den medizinischen Hilfe- und Versorgungssystemen weitgehend unbekannt. 

 

Die Häufigkeit von FASD steht aber tatsächlich im Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum der Bevölkerung. Und Deutschland gehört unter die Top 10 und ist damit Weltspitze im Alkoholkonsum.

Ca. 70% der Bevölkerung trinken Alkohol und etwa 30% der Schwangeren verzichten zumindest nicht ganz auf einen Drink in der Schwangerschaft. 


Werden Kinder z.B. wegen Schulproblemen, Hörstörungen, Herzproblemen oder Inkontinenz bei Ärzt:innen vorgestellt, wird in Deutschland eher selten FASD als Ursache erkannt oder der Alkoholkonsum in der Schwangerschaft abgeklärt.
Darum gehen Expert:innen von einer sehr hohen Dunkelziffer bei FASD aus.

"FASD blieb in der medizinischen Öffentlichkeit, vor allem in Deutschland, jahrelang kaum beachtet." 

Prof. Dr. med. Hans-Ludwig Spohr, aus:
Das Fetale Alkoholsyndrom im Kindes- und Erwachsenenalter


In Ländern wie z.B. Kanada, wo das medizinische System besser über FASD aufgeklärt und FASD-sensibel ist, werden viele FASD-Diagnosen von HNO- und Augenärzt:innen gestellt, wenn die Kinder wegen ihrer diversen gesundheitlichen Probleme in den Praxen vorgestellt werden.

Verhaltenprobleme oder Symptome?

Die Alltags- und Verhaltensprobleme von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit FASD entstehen durch Neurodegeneration. Sie sind also kein "Verhalten", sondern Symptome der neurologischen Anomalie FASD. 

FASD gehört zu den hirnorganischen Psychosyndromen. Die sogenannten Verhaltensauffälligkeiten und Alltagsprobleme der Patient:innen sind organischen Ursprungs. Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit FASD können deshalb nicht lernen, keine FASD-Symptome zu haben. So wir nicht "lernen" können keine Kopfschmerzen zu haben. 

Ein gutes Symptomverständnis zu entwickeln ist deshalb essentiell für Eltern und Fachkräfte, die mit FASD zu tun haben.

Behinderung FASD 

Der Gesetzgeber in Deutschland zählt FASD zu den seelischen Behinderungen. Ob im Einzelfall eine Behinderung oder Teilhabeeinschränkung vorliegt, ist aber individuell verschieden.

Kinder und Erwachsene mit FASD haben entweder keine, leichte, mittlere oder gravierende Teilhabeeinschränkungen.

FASD ist immer eine Schädigung des ZNS, aber nicht immer eine Behinderung im Sinne des Bundesteilhabegesetzes (BTHG).

Haben alle Menschen mit FASD die gleichen Probleme?

Alkohol wirkt als Zell- und Mitosegift auf jede Zelle des ungeborenen Kindes. Dadurch können z.B. Schäden an den Augen, Zähnen, Gelenken, Herz oder Nieren auftreten. Auch das Gehirn und ZNS sind betroffen. Aber die Art und Schwere der Schädigung ist individuell verschieden.

FASD kann mit einer geistigen Behinderung einhergehen, einem durchschnittlichen oder überdurchschnittlichem IQ von 130 oder mehr. 
 

Manche Menschen mit FASD sind nur leicht beeinträchtigt, während andere einen hohen Unterstützungsbedarf haben. 

Kinder und Jugendliche mit FASD besuchen von der Förderschule bis zum Gymnasium alle Schulformen. Erwachsene mit FASD stehen im Berufsleben oder leben auf der Straße. Das Spektrum ist groß. 


Menschen mit FASD fahren Auto, segeln oder fliegen. Menschen mit FASD leben als Unternehmer, Akademiker, Kaufleute, Erzieher oder Handwerker in der Mitte unserer Gesellschaft. Sie brauchen unterschiedlich viel Unterstützung in einigen oder sogar allen Bereichen des täglichen Lebens. 

Menschen mit FASD kommen im Leben an oder fallen durch alle Raster. Kinder mit FASD sind glückliche Kinder oder Systemsprenger. Der Verlauf und die Entwicklung wird dabei nicht nur allein durch Art und Schwere der ZNS-schädigung bestimmt, sondern auch dadurch, wie Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit FASD begleitet und unterstützt werden. 

Ist die Unterstützung auf FASD abgestimmt? 

ADHS oder FASD?

Viele Kinder mit FASD erhalten derzeit in Deutschland eine ADHS Diagnose, oft ohne Abklärung der Frage von Alkoholkonsum in der Schwangerschaft - manchmal auch wenn die der Alkoholkonsum gesichert ist. ADHS ist vermutlich die häufigste Fehldiagnose bei FASD.

Wird bei vorliegendem FASD stattdessen ADHS diagnostiziert, kann es im weiteren Verlauf zu Überforderung, Fehlbehandlungen und nicht an FASD angepassten Erwartungen kommen. Es ist nicht auszuschließen, dass durch die Fehlbehandlung als ADHS Patient, die Entstehung weiterer Komorbiditäten sogar gepuscht wird. Denn wir wissen aus Follow-Up Studien, dass Stressreduktion und eine an FASD angepasste Pädagogik und Begleitung für den weiteren Verlauf der Entwicklung bei FASD entscheidend sein kann und ihn günstig beeinflussen.

Unterstützungsbedarf bei FASD

Wir wissen aus Follow-up Studien (Spohr et al. 2008 / Streisguth et al. 2004), dass die Alltagsbeeinträchtigungen bei FASD positiv beeinflusst werden können, durch:

  • frühe Diagnostik
  • stabiles Umfeld
  • FASD-spezifische Pädagogik
  • FASD-spezifische Alltagsunterstützung.


Geeignete Therapien, wie z.B. Logopädie, Ergotherapie oder Physiotherapie ersetzten nicht die Alltagsunterstützung und FASD-Pädagogik zuhause, sondern ergänzen sie, wo es nötig ist.

Um Kinder mit FASD im Alltag zu unterstützen und ihre Entwicklung zu fördern, müssen sich Adoptiveltern, Pflegeeltern und Fachkräfte auf FASD einstellen und ihre Pädagogik anpassen. 

Ist FASD heilbar und therapierbar?

Nein, FASD ist nicht heilbar und therapierbar. Die umfangreiche und tiefgehende neurologische Schädigung, die durch Alkohol in der Schwangerschaft entstanden ist, ist unumkehrbar und bleibt lebenslang bestehen. 

Die neurologische Schädigung umfasst z.B. abgestorbene Nervenzellen (nekrotische Zellen), verkürzte Synapsen, veränderte Neurotransmitterbildung, fehlende Isolation der Nervenzellen, gestörte Migration (Zellwanderung) und verhindertes Zellwachstum (Mitose). Dieser ZNS-Schaden entsteht im Mutterleib und bleibt ein Leben lang bestehen.

Die Auswirkungen von FASD können aber durch eine gute Alltagsunterstützung, FASD-Pädagogik und angepasste Erwartungen und Ziele oft abgemildert werden. Darum lohnt es sich, wenn sich Elternhaus, Schule und Umfeld auf FASD einstellen.

Sabine Leipholz 

FASD-Fortbildung & Supervision

Telefon: +49 (0) 21 63 / 499 70 82
E-Mail: [email protected]